Autor: Martin Haseneyer

  • Karten sind Leben!

    Los geht es mit Kartoprahie.

  • Darf es etwas mehr Überwachung sein, bitte?

    Wenn wir über die Provinz reden, dann denken wir an kleine Dörfer, bei denen sich alle kennen und alle über alles und jeden Bescheid wissen. Warum klappt das eigentlich nicht in Europa? Ach, Sie halten sich für informiert? Dann nennen Sie mir bitte jeweils Regierungsoberhaupt und Finanzminister für unsere Nachbarländer.

    Fangen wir an, Daten zu sammeln: welche Nachbarländer haben wir eigentlich? Aktuell sitze ich in Deutschland — falls Sie sich gerade woanders befinden, ist Ihr Ergebnis wahrscheinlich anders. Also: nördlich liegt Dänemark, dann folgt im Uhrzeigersinn Polen, Tschechien, Österreich. Als nächstes haben wir die Schweiz. Weiter geht’s mit Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, und schon kommen wir wieder in Dänemark an.

    Und wenn Sie wirklich mitgemacht und mitgedacht haben, dann ist Ihnen auch aufgefallen, dass ich Ihnen Belgien unterschlagen habe. Sie sind wieder wach? Sehr gut.

    In Summe sind wir bei neun Ländern, das wären 18 Personen. Lassen Sie uns die Finanzminister ganz flink abhandeln: ich habe nicht die geringste Ahnung — falls Sie besser liegen, zählt jeder Name doppelt.

    Bleiben noch die jeweiligen Oberhäupter der Regierung übrig. Und wenn Sie Ihre Namens-Liste durchgehen, denken Sie bitte daran: Regierungsoberhaupt ist nicht immer das Staatsoberhaupt. Bei manchen Ländern ist das klar geregelt: Staatsoberhaupt trägt Krone, Regierungsüberhaupt trägt die Verantwortung. Bei anderen lässt sich wunderbar Verwirrung stiften. Deutschland selbst ist so ein Fall: wir haben ein Kanzleramt und ein Bundespräsidialamt. Wer von den beiden ist denn jetzt der gesuchte Regierungschef, na? Im Zweifel zählt Wikipedia, und meine gerade noch halbwegs stolze Liste von vier Nachbar-Ländern schrumpft auf verschämte zwei zusammen. Gut 11% richtig für mich stolzen Europäer. Note 5, einmal Nachklausur im Herbst bitte. Und bei Ihnen so?

    Damit es wirklich, wirklich peinlich wird, zählen wir noch die Bevölkerungszahlen unserer Nachbarländer zusammen. Für Deutschland komme ich auf 84,3 Millionen Menschen, für die Nachbarländer auf 170,3 Millionen. Wenn wir also Informationen bewerten und gewichten wollen, sind diese beiden Zahlen ein schöner Hinweis darauf, dass wir vielleicht nicht der Nabel der Welt sind, für den wir uns so gerne halten.

    Dem Nachbarn ins Fenster schauen

    Nun endlich zur Überwachung, wegen der Sie ja schließlich angefangen haben zu lesen. Und gleich die nächste Frage an Sie: was wissen Sie eigentlich über aktuelle Themen und Schwerpunkte in den jeweiligen Ländern? Wieder aus der deutschen Perspektive: was bewegt gerade die Menschen in Österreich? Und in den Niederlanden? Frankreich? Tschechien? Wir sind doch alles zivilisierte Länder und haben Nachrichten und Internet und können uns weltweit austauschen. Wieso wissen wir dann nicht einmal, was unsere Nachbarn gerade bedrückt?

    Gute Frage? Eben. Das meine ich.

    „Überwachen“ ist natürlich reißerisch formuliert. Lassen Sie es mich anders sagen: wissen, was unsere Nachbarn gerade bewegt. Und vielleicht sogar verstehen, wieso.

    Wie können wir das erreichen? Nun, wir sind alles zivilisierte Länder und leben alle im Informations-Zeitalter. Jedes Land hat mindestens einen Fernsehsender, und in jedem Land läuft genau dort mindestens eine Nachrichten-Sendung. Wenn wir die schauen können, dann wüssten wir doch die wichtigsten Themen unserer Nachbarn, oder?

    Die virtuelle Mauer

    Da gibt es ein paar Hürden. Leider.

    Die sehr offensichtliche erste Hürde ist die Sprachbarriere: bei dem, was man „deutschsprachigen Raum“ nennt, würde ich mir noch zutrauen, mich mit Leuten aus Österreich zu unterhalten. Für die Schweiz bin ich gebranntes Kind: sobald Schweizer Kollegen in den lokalen Dialekt verfallen, bin ich raus und habe gelernt, dass wir lieber auf Schrift oder auf Englisch umstellen. Über Polnisch, Dänisch oder Niederländisch brauche ich nicht wirklich viel nachdenken. Und den Franzosen haben wir schon genug angetan, so dass ich mein Schul-Französisch (leider) lieber vornehm versteckt halte.

    Die zweite, und etwas weniger offensichtliche Hürde, ist der Fokus. Jedes Land legt den Schwerpunkt in seinen Nachrichten — natürlich — auf sich selbst. Wenn wir noch einmal die Einwohnerzahlen von vorhin vergleichen und das auf eine typische Nachrichten-Sendung mit einer Dauer von 15 Minuten anwenden, käme die ersten fünf Minuten der „Deutschland“-Block, und dann zehn Minuten der Blick darauf, was bei unseren Nachbarn gerade los ist. In der Realität haben wir natürlich den „Deutschland“-Block, und das Ausland taucht dann auf, wenn wir irgendwie beteiligt sind. Oder es eine irrsinnige Katastrophe gibt. Dann Sport und Wetter. Vermutlich sind die Nachrichten-Sendungen unserer Nachbarn genauso aufgebaut. Und sie haben nun einmal den Auftrag, die jeweilige Bevölkerung über die lokal wichtigsten Themen zu informieren. Eine „tagesschau Polen und Niederlande“ wäre zwar toll für mich, ist aber unrealistisch. (Obwohl ich mir vorstellen könnte, sowas im Internet zu haben. Ich vermute, dass die jeweiligen Korrespondenten-Netze auch dann vor Ort sind, wenn dort nicht gerade etwas von internationaler Aufmerksamkeit passiert. Dass die Leute einen Standby-Schalter haben und zwischendurch einfach in den Wandschrank gesteckt werden, bis wieder etwas Tragisches passiert, halte ich für grob unrealistisch.)

    Die dritte Hürde ist noch etwas gemeiner und versteckter: Verbreitungs-Wege und -Rechte. In den österreichischen Hotelzimmern, die ich kenne, wurden zumindest ARD, ZDF und 3sat eingespeist, sowie die ganzen Privatsender aus Deutschland. Den ORF hier in Piefkistan empfangen? Da landen Sie sofort auf irgendwelchen zwielichtigen Websites. SRF nördlich des Weißwurst-Äquators? Na sie sind mir ja einer. (Ja, ich weiß, die eine oder andere Sendung wird spätabends bei uns in 3sat eingespeist. Zu Zeiten, bei denen ich entweder noch eine Server-Wartung fahre oder mich selbst im Bett warte.)

    Nachrichten-Junkie, oder: nehmen wir KI doch mal nicht für Blödsinn und Haudrauf-Kommerz

    Die Nachrichten aus Frankreich, Dänemark und Polen bei uns zu sehen, wird also nicht ganz einfach. Trotzdem fände ich es sehr schön. 1992 wurde die Europäische Union gegründet, und wenn ich wissen will, was bei unseren Nachbarn vor sich geht, lande ich in irgendwelchen Grauzonen des Internets. Dabei wäre die EU gerade die Kraft, der ich zutraue, sowas zu ändern. Und zwar so:

    Jedes EU-Mitgliedsland hat mindestens einen Fernsehsender, und dort läuft eine Haupt-Nachrichtensendung. Diese Sendungen laden wir auf ein europäisches Video-Portal. Dann lassen wir einen Übersetzungs-Dienst drüberlaufen, der uns Untertitel in den EU-Amtssprachen erstellt. Und schon wüssten wir, was hinter dem ehemaligen Schlagbaum so los ist.

    (Für die ewigen Besserwisser: ja, Sportrechte sind ein riesiges Geschäft und selbst unsere eigenen Nachrichten dürfen keine Bilder davon bringen, wenn sie ihre Sendungen ins Internet stellen. Sei’s drum. Französischer und polnischer Fußball interessieren mich genauso stark wie deutscher Fußball — sie erinnern sich noch an meine tiefen Kenntnisse zu den Finanzministern, ja? Ich hätte auch erwartet, dass die Franzosen von Boule-Meisterschaften berichten und die Östreicher über Kletter-WM. Was bestimmt wieder ein Argument ist, wie wichtig es für das gegenseitige Verständnis wäre, wenn wir über den Tellerrand schauen würden.)

    Ein Beispiel? Na gut:

    In Deutschland haben wir die ARD und das ZDF mit der „tageschau“ und „heute“. Werfen wir einfach beide in den Ring. Für Österreich geht die „Zeit im Bild“ an den Start, und die anderen Länder bringen ihre Nachrichten-Sendung(en) ein. Die sammeln wir dann auf „EUtube“ (ich bitte um Entschuldigung für schlechte Wortspiele, werde aber nicht darauf verzichten). Wenn es irgendwo Erfahrungen gibt, Dokumente schnell und zuverlässig in alle Amtssprachen zu übersetzen, dann bei der EU. Hier könnten wir auch eine künstliche Intelligenz einsetzen. Am Anfang wären sicherlich ungelenke Formulierungen dabei. Quasi genauso wie in diesem Beitrag. Allerdings können wir diese KI trainieren, damit sie immer und immer besser wird. Bei mir hingegen, nun ja, es hat seinen Grund, wieso ich nicht Deutsch-Leistungskurs gewählt habe.

    Besonders spannend fände ich einen dann möglichen Vergleich: über welche Themen berichten Deutschland, Belgien und die Niederlande? Und was kommt nur in einem Land vor? Oder: was kommt bei mehreren vor, und wie sind die einzelnen Sichtweisen darauf?

    Und, mal Hand auf’s Herz: sicherlich sinnvoller als die meisten der Videos, die uns angeboten werden, ist es allemal.

  • Für eine Handvoll Dollar

    Acht Dollar im Monat. Ich hätte es bezahlt. Freiwillig.

    Acht Dollar, das ist der Betrag, den sich Elon Musk für „Twitter Blue“ vorstellt, das Premium-Angebot des Kurznachrichten-Dienstes Twitter. Nur durfte ich das nicht bezahlen. Aber von vorne.

    Bei Twitter bin ich seit einer gefühlten Ewigkeit. Erst – natürlich – mit einer gewissen Euphorie und Neugierde auf das neue Spielzeug. Dann eine Weile nicht mehr, weil kaum Kontakte von mir dort waren und dort nichts passierte, was für mich interessant war. Und dann hat sich das irgendwie zusammengefügt und wurde interessant.

    Twitter war gefühlt immer dasjenige der großen sozialen Netzwerke, das am meisten offen war und am meisten Integration zuließ. Die Angebote aus dem Zuckerberg/Meta-Konzern lassen sich nur nutzen, wenn man dort eingeloggt ist, und die entsprechende App installiert. Bei Twitter gibt es eine Software-Schnittstelle und man kann andere Apps verwenden, wenn die einem besser gefallen. Facebook-Inhalte lassen sich nur betrachten, wenn man bei Facebook eingeloggt ist. Einen Twitter-Beitrag kann man auch ohne eigens Nutzerkonto lesen. Twitter fühlte sich fair an, die anderen großen Netzwerke nach Käfig.

    Nur war Twitter nie das größte Netzwerk. Bei sozialen Netzwerken greift das, was man den „Netzwerk-Effekt“ nennt: je mehr schon dort sind, desto mehr steigt der Wert des Netzwerks. Für den Einzelnen, weil man gut mit allen anderen kommunizieren kann, die auch dort sind. Und für den Betreiber sowieso. Und für die, die noch nicht dabei sind, wird es interessanter, dort einzusteigen. Wenn alle Menschen ein Telefon haben und damit erreichbar sind, ist das Telefon nützlich. Wenn Sie die einzige Behörde in Deutschland sind, die ein Fax hat, dann… ach lassen wir das. Wenn sich also jemand überlegt, ein neues Nutzerkonto aufzumachen, dann geht es zu den richtig großen Diensten: Facebook, TikTok, Instagram. Twitter eher an dritter Stelle. Wenn überhaupt.

    Genau da setzte das Management an mit „Twitter Blue“. Ein paar (für mich völlig unwichtige) Zusatzfunktionen und ein wenig Geld in die Kasse. Ich hätte es echt genommen. Allein, weil ich weiß, was ein einzelner Server kostet, den man braucht, um einen kleinen Dienst im Internet anzubieten, eine Website aufzubauen und so weiter. Und weiterdenken kann, dass größere Dienste entsprechend mehr Technik, Personal und damit Geld brauchen. „Hier ist mein Obolus, und jetzt weg mit der Werbung“ ist genau das Angebot, das mir komplett gereicht hätte.

    Und wenn Sie sich noch an den Netzwerk-Effekt von zwei Absätzen weiter oben erinnern, dann wissen Sie: für mich ist das „Blech“ (also die Server) nur die halbe Miete. Der eigentliche Nutzen entsteht durch die anderen Leute, die auf diesem Kurznachrichten-Dienst eben… Kurznachrichten schreiben mit spannenden Informationen, Hinweise auf Dinge, die mir nützlich sind, oder einfach Klamauk. Wir alle nochmal im Chor: der Wert des Netzwerks steigt mit dessen Größe.

    Jetzt brauche ich gar nicht weit ausholen, dass ich Abos nicht mag, die über eine Kreditkarte bezahlt werden sollen. Denn „Twitter Blue“ wurde und wird in Deutschland gar nicht angeboten.

    Dafür sind ein paar andere Dinge passiert. Zunächst: das Twitter-Management hat gewechselt. Elon Musk – einer der reichsten Menschen der Welt und sonst bekannt für Elektroautos und Weltraum-Raketen – hat Twitter übernommen. Und ein paar Dinge gemacht, die das Netzwerk ein wenig durchschütteln. Damit meine ich noch nicht einmal das technische Netzwerk, nicht die Server, nicht die Leitungen. Sondern das menschliche Netzwerk: die Leute, die dort ein Nutzerkonto haben.

    Und der Wert des Netzwerks hat sich massiv verändert. Einerseits, weil viele Leute aus „meinem“ Netzwerk plötzlich auch über eine Alternative erreichbar sind. Und zwar alle auf derselben Alternative. Nicht zersplittert ein paar auf einem Dienst, ein paar andere auf einem anderen Dienst, sondern gesammelt erreichbar. Ja, nicht alle die auf Twitter aktiv sind oder waren. Aber genug, um auch auf dem alternativen Weg zu lernen, sich auszutauschen und auch ein wenig Zerstreuung zu finden. Andererseits, weil ein paar aus dem Twitter-Netzwerk einfach aufgehört haben.

    Was macht das mit dem Wert des Netzwerks für Twitter? Und mit den acht Dollar? Nun, wenn ich eine Grundmenge der Kontakte auch woanders erreiche, zu einem deutlich geringeren Preis, dann regelt der Markt und der Wert sinkt. Und wenn sich einige der Kontakte aus dem Netzwerk herausnehmen und ihre Twitter-Konten löschen, sinkt der Wert weiter.

    Für mich sind die acht Dollar damit hinfällig geworden. Zu wenig wirklich einmalige Menschen, zu wenig wirklich inspirierende Ideen, zu viele austauschbare Konten von Verbänden.

    Elon Musk ist immer noch einer der reichsten Menschen der Welt und ich nehme an, das ist er nicht ohne Grund. Nun bin ich gespannt, was ihm einfällt, um den Wert wieder zu erhöhen.