Für eine Handvoll Dollar

Acht Dollar im Monat. Ich hätte es bezahlt. Freiwillig.

Acht Dollar, das ist der Betrag, den sich Elon Musk für „Twitter Blue“ vorstellt, das Premium-Angebot des Kurznachrichten-Dienstes Twitter. Nur durfte ich das nicht bezahlen. Aber von vorne.

Bei Twitter bin ich seit einer gefühlten Ewigkeit. Erst – natürlich – mit einer gewissen Euphorie und Neugierde auf das neue Spielzeug. Dann eine Weile nicht mehr, weil kaum Kontakte von mir dort waren und dort nichts passierte, was für mich interessant war. Und dann hat sich das irgendwie zusammengefügt und wurde interessant.

Twitter war gefühlt immer dasjenige der großen sozialen Netzwerke, das am meisten offen war und am meisten Integration zuließ. Die Angebote aus dem Zuckerberg/Meta-Konzern lassen sich nur nutzen, wenn man dort eingeloggt ist, und die entsprechende App installiert. Bei Twitter gibt es eine Software-Schnittstelle und man kann andere Apps verwenden, wenn die einem besser gefallen. Facebook-Inhalte lassen sich nur betrachten, wenn man bei Facebook eingeloggt ist. Einen Twitter-Beitrag kann man auch ohne eigens Nutzerkonto lesen. Twitter fühlte sich fair an, die anderen großen Netzwerke nach Käfig.

Nur war Twitter nie das größte Netzwerk. Bei sozialen Netzwerken greift das, was man den „Netzwerk-Effekt“ nennt: je mehr schon dort sind, desto mehr steigt der Wert des Netzwerks. Für den Einzelnen, weil man gut mit allen anderen kommunizieren kann, die auch dort sind. Und für den Betreiber sowieso. Und für die, die noch nicht dabei sind, wird es interessanter, dort einzusteigen. Wenn alle Menschen ein Telefon haben und damit erreichbar sind, ist das Telefon nützlich. Wenn Sie die einzige Behörde in Deutschland sind, die ein Fax hat, dann… ach lassen wir das. Wenn sich also jemand überlegt, ein neues Nutzerkonto aufzumachen, dann geht es zu den richtig großen Diensten: Facebook, TikTok, Instagram. Twitter eher an dritter Stelle. Wenn überhaupt.

Genau da setzte das Management an mit „Twitter Blue“. Ein paar (für mich völlig unwichtige) Zusatzfunktionen und ein wenig Geld in die Kasse. Ich hätte es echt genommen. Allein, weil ich weiß, was ein einzelner Server kostet, den man braucht, um einen kleinen Dienst im Internet anzubieten, eine Website aufzubauen und so weiter. Und weiterdenken kann, dass größere Dienste entsprechend mehr Technik, Personal und damit Geld brauchen. „Hier ist mein Obolus, und jetzt weg mit der Werbung“ ist genau das Angebot, das mir komplett gereicht hätte.

Und wenn Sie sich noch an den Netzwerk-Effekt von zwei Absätzen weiter oben erinnern, dann wissen Sie: für mich ist das „Blech“ (also die Server) nur die halbe Miete. Der eigentliche Nutzen entsteht durch die anderen Leute, die auf diesem Kurznachrichten-Dienst eben… Kurznachrichten schreiben mit spannenden Informationen, Hinweise auf Dinge, die mir nützlich sind, oder einfach Klamauk. Wir alle nochmal im Chor: der Wert des Netzwerks steigt mit dessen Größe.

Jetzt brauche ich gar nicht weit ausholen, dass ich Abos nicht mag, die über eine Kreditkarte bezahlt werden sollen. Denn „Twitter Blue“ wurde und wird in Deutschland gar nicht angeboten.

Dafür sind ein paar andere Dinge passiert. Zunächst: das Twitter-Management hat gewechselt. Elon Musk – einer der reichsten Menschen der Welt und sonst bekannt für Elektroautos und Weltraum-Raketen – hat Twitter übernommen. Und ein paar Dinge gemacht, die das Netzwerk ein wenig durchschütteln. Damit meine ich noch nicht einmal das technische Netzwerk, nicht die Server, nicht die Leitungen. Sondern das menschliche Netzwerk: die Leute, die dort ein Nutzerkonto haben.

Und der Wert des Netzwerks hat sich massiv verändert. Einerseits, weil viele Leute aus „meinem“ Netzwerk plötzlich auch über eine Alternative erreichbar sind. Und zwar alle auf derselben Alternative. Nicht zersplittert ein paar auf einem Dienst, ein paar andere auf einem anderen Dienst, sondern gesammelt erreichbar. Ja, nicht alle die auf Twitter aktiv sind oder waren. Aber genug, um auch auf dem alternativen Weg zu lernen, sich auszutauschen und auch ein wenig Zerstreuung zu finden. Andererseits, weil ein paar aus dem Twitter-Netzwerk einfach aufgehört haben.

Was macht das mit dem Wert des Netzwerks für Twitter? Und mit den acht Dollar? Nun, wenn ich eine Grundmenge der Kontakte auch woanders erreiche, zu einem deutlich geringeren Preis, dann regelt der Markt und der Wert sinkt. Und wenn sich einige der Kontakte aus dem Netzwerk herausnehmen und ihre Twitter-Konten löschen, sinkt der Wert weiter.

Für mich sind die acht Dollar damit hinfällig geworden. Zu wenig wirklich einmalige Menschen, zu wenig wirklich inspirierende Ideen, zu viele austauschbare Konten von Verbänden.

Elon Musk ist immer noch einer der reichsten Menschen der Welt und ich nehme an, das ist er nicht ohne Grund. Nun bin ich gespannt, was ihm einfällt, um den Wert wieder zu erhöhen.

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